Evangelisch - Lutherische Superintendentur Bad Salzungen - Dermbach
16. Dorndorfer Kirchfest
Predigt von Dr. Jörg Zink "Der Himmel liebt auch die schwarzen Schafe"
Festpredigt von Jörg Zink anlässlich des Gottesdienstes zum 16. Dorndorfer Kirchfest
Jesus spricht:
Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis irren,
sondern das Licht schauen und das Leben finden.
Und er sagt das andere:Ihr seid das Licht der Welt.
eine Stadt auf einem Berg kann nicht verborgen sein.
Lasst also euer Licht leuchten.
*
Liebe Gemeinde,
ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Sonntag, den Sie von Herzen genießen können. Wenn Gott uns einen schönen Tag schenkt, erfüllen wir seinen Willen, wenn wir uns an ihm unseres Lebens freuen.
Wir haben gestern Abend den Mann aus Nazareth, Jesus, zu uns sprechen lassen über allerlei praktische Fragen unseres Lebens, heute Morgen möchte ich mich ihm von der anderen Seite nähern: Von dem neuen Menschen her, der in uns selbst entstehen soll und uns und unseren Glauben und unser Tun prägen.
Dieser Christus sagt: Ich bin das Licht der Welt, und er spricht uns die erstaunliche Berufung zu, wir selbst seien zu einem Licht der Welt bestimmt. Ich möchte also heute, nachdem wir gestern allerlei Vorgänge gesehen haben, die vor zweitausend Jahren passiert sind, unseren Blick nach innen wenden, dorthin, wo sich zwischen Gott und unserer Seele entscheidet, wer wir selbst sind und immer mehr werden sollen.
Der Evangelist Johannes berichtet, Jesus habe in sieben Bildern beschrieben, wer er sei, was mit ihm in die Welt gekommen sei und was aus den Menschen werde, wenn sie ihren Weg durch die Jahre ihres Lebens mit ihm zusammen gingen. Sieben kurze Worte. Er habe gesagt: Ich bin das Licht. Ich bin das Brot. Ich bin der Weinstock. Ich bin der Hirte. Ich bin die Tür. Ich bin die Auferstehung. Und wie abschließend, alles noch einmal übergreifend: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und in diesen Worten liegt nicht nur, was er über sich selbst sagt, sondern auch, was er über Gott sagt und über uns Menschen. Diese sieben Worte sind der Inbegriff dessen, was Jesus über den Sinn des Daseins sagt, über den Sinn unseres Wegs durch die Folge unserer Jahre. In diesen sieben Worten liegt also nicht nur ein ungeheurer Anspruch, es liegt vor allem eine große Weisheit darin, die sagt: Das ist Gott. Das ist die Welt. Und das bist du, Mensch.
Lassen Sie mich heute Morgen einen kurzen Weg gehen, auf dem wir diese sieben Worte umkreisen, als Motto und Wegrichtung für unser Leben. Denn sie wollen nicht eigentlich erklärt sein, sondern gesehen, betrachtet, umwandert. Dann fangen sie an zu leuchten. Dann erkennen wir Jesus Christus, Gott, diese Welt und uns selbst in einem.
Da ist also das erste. Im Tempel im Jerusalem sagt Jesus einmal: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis irren, sondern Licht haben und leben. Auf dem Berg am See Genezareth sagt er einmal: Wollt ihr wissen, wer ihr seid? Ihr seid das Licht der Welt. Und dass er dieses ungeheure Wort zugleich über sich selbst und über uns Menschen sagt, ist entscheidend. Denn er sagt damit: Ihr lebt nicht in einer nachtschwarzen Welt. Da ist Licht. Gott ist Licht. Er ist es, der alles am Anfang schuf. Ich bin Licht. Ich bringe es. Ich zeige es. Ich stehe dafür ein.
Und am Ende wird Licht sein. Ihr werdet mir begegnen als einem hellen und warmen Licht. Seid nun auch ihr selbst ein Licht. Und wenn ihr durch diese Nacht geht, in der die Jahre einander folgen, dann geht ihr mit mir, auf mich zu. Ich begegne euch. Ich - das Licht.
Ist da also nicht doch ein freier Blick in die Zukunft? Nicht wir sind es ja, die das Licht anzuzünden und zu hüten hätten, sondern der, der am Anfang gesagt hat: es werde Licht. Ich bin das Licht, sagt Jesus. Wir sind es mit ihm und werden es mit ihm sein. Denn: Gott ist das Licht.
Das zweite Wort sprach Jesus auf der Höhe des Golan. Dort verteilte er Brot an die Menschen und sagte: Mein Vater gibt euch das wahre Brot. Gottes Brot kommt vom Himmel und gibt der Welt das Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht vom Tisch weisen. Und am Passaabend nahm er Brot und gab es seinen Jüngern: Nehmt! Esst! Mein Leib, den ich für euch gebe. Er zeigte ihnen das Brot, das Gott ihnen gab: Sich selbst. Denn das Brot, das Gott gibt, ist das Leben des Einen für die anderen.
Aber nun müssen wir fortsetzen: Ihr alle seid das Wort und das Brot. Oder haben wir Christen nichts zu sagen in einer Weil, in der die Menschen an ihrer und anderer Menschen Sprachlosigkeit zugrunde gehen. Wächst in uns kein Brot mehr?
Ich bin das Brot, sagt Jesus. Nehmt es auf und gebt es weiter. Wem also Christus lebendig ist, dem wächst das Brot zu, das die nächsten Hände brauchen. Er wird selbst zu Brot.
Ein drittes Wort sagt Jesus in Jerusalem, am Abend des letzten Mahls: Er sprach von dem lebendigen, schöpferischen Geist, den er senden wolle und sagte: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer an mir bleibt, der bringt viel Frucht.
Fragt ihr euch, was denn bei eurem Leben und all seiner Bemühung am Ende herauskommt? Ein Ertrag sollte es doch wohl sein. Frucht. Aber dann muss irgendwo der Saft herkommen, aus dem ein Ast oder eine Rebe ihre Frucht ziehen. Ich bin der Weinstock.
Was ist es denn, was ich euch gebe? Es ist Geist. Geist aus Gott. Alles Lebendige kommt aus dem Geist, denn Gottes Geist ist die Kraft in allen Dingen, die bewegende Energie in allem, was lebt. Gottes Geist ist der Anfang alles Neuen, das auf dieser Erde geschieht, und der Anfang der Zuversicht auch in dieser Zeit, in der es immer wieder so schwer ist, den Mut nicht zu verlieren. Wenn wir glauben, dass gegen alle Erfahrung und allen Augenschein Neues und Reifendes geschehen kann, dann deshalb, weil der Geist Gottes am Werk ist.
Die geistige Welt ist offen. Nimm also die Kraft an, die dir entgegenkommt. Sie verändert dich. Und wenn am Ende Frucht gewachsen ist, dann kommt sie aus ihr. Bleibe am Weinstock und feiere das Fest, von dem Jesus spricht wie von einer Hochzeit. Sollte es einen Glauben geben, der gar nichts an sich hätte vom Wein des Fests? Ich bin der Weinstock, sagt Jesus. Ihr aber seid Wein. Gebt ihn ausl
In einem Land, indem nach allen Seiten hin die Wüste beginnt und das heißt die Welt der wandernden Schafhirten, sagt Jesus: ich bin der Hirte, und vergleicht uns Menschen mit Schafen.
Dabei ist nicht dies der Vergleichspunkt, dass Schafe dumm wären, gehorsam und unselbständig, sondern dies, dass sie nicht überleben ohne einen Hirten. Dass ihr Leben in Gefahr ist, Hunger und Durst sie bedrohen, dass sie wehrlos sind gegen Räuber und Raubtiere und dass ihnen zugemutet ist, unbewaffnet zu sein auch gegenüber der Bestie.
Die Herden am Rand der Wüste leben von dem Vertrauen, dass einer weiß, wo die Quellen und die Grasplätze sind, dass er die Seinen im Auge hat und sie im Ernstfall nicht verlässt.
Und Jesus fügt hinzu: Der gute Hirte nimmt den Tod auf sich für das ihm anvertraute Leben. Er sagt: Wo der Tod angreift, stehe ich. Niemand wird mir den aus der Hand reißen, für den ich eintrete.
Aber darin liegt zugleich die unerhörte Anrede an uns: Ihr seid die Hirten. Hirte sein? Jeder weiß, was das für Ihn bedeutete, zugleich bedroht und schützend zu leben. Wie Christus. Es wird, wenn die Glanzleistungen unseres Lebens längst vergessen sind, das sein, was bleibt. Das Bild Gottes in uns. Gott, der Hirte, in unserer Gestalt.
Ein fünftes Wort, mit dem Jesus zugleich über Gott, über sich selbst und über das Menschendasein spricht, lautet: ich bin die Tür.
Ich bin die Tür, sagt er. Wer durch mich zu den Menschen kommt, kommt im Frieden und mit dem offenen, freundlichen Wort. Wer durch mich kommt, nimmt Lasten ab. Ich lege niemand in Ketten, sondern bringe Freiheit. Wer in andere Menschen einbricht, indem er Furcht verbreitet, ist ein Dieb und Räuber, sagt er.
Als ich ein junger Vikar war, sprach einmal ein alter Lehrer mit mir über eine schwierige Schulklasse. Er sagte: Wenn du dich vor einer Schulklasse fürchtest, dann bleibe einen Augenblick stehen, ehe du eintrittst. Nimm den Türgriff in die Hand und sage: Christus ist die Tür. Dann geh hinein. Du wirst eine andere Stunde erleben.
Der Rat lässt sich übertragen. Es kann die Tür sein zu einer schwierigen Sitzung, zu einem nervösen Chef, zum Operationssaal auch. Ich bin die Tür.
Denn Jesus sagt mit dem Wort von der Tür: Das Leben ist nicht eine Sackgasse, sondern ein Raum zu gemeinsamem Leben. Es ist ein offener Weg in die Freiheit. Die Zukunft ist nicht eine dunkle Wand, sondern eine Tür. Ich bin die Tür. So ist das Leben also kein Gefängnis, sondern ein offener Raum zu grenzenlosem Begegnen. Das Leben ist so eingerichtet, dass immer dort, wo sich eine Tür schließt, sich eine andere öffnet. Denn Christus ist zugleich die Tür und der, der durch die Tür kommt und durch die Türen führt.
Und ganz leise hören wir dazu: Ihr seid Türen. Versperrt euch nicht. Seid keine Mauern. Lasst ein, was kommen will. Tretet heraus und begegnet dem, was vorbeikommt. Geht hindurch, auch wenn ihr nicht seht, was kommt. Geht durch die Tür dieses Morgens mit freiem und weitem Herzen und voll erwartender Zuversicht.
Am Grab eines Freundes sprach Jesus ein sechstes Wort: Ich bin die Auferstehung. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und wer lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben.
Ich bin, sagt Jesus, der Übergang von einem Leben in ein anderes. Ich bin dort, wo das niedergesunkene Leben aufsteht, um neu zu sein. Neu aus dem schöpferischen Geist Gottes. Denn wer nur das Ende sieht, sieht den kleineren Teil der Wirklichkeit. Die Welt ist tiefer und geheimnisvoller als der meint, der nur das große Totenfeld sieht. Sie hat unendlich mehr Leben. Leben aus dem Geist. Leben einer glühenden, leuchtenden Art.
In Christus aber nehmen wir die Auferstehung wahr. Wenn wir Christus schauen, schauen wir Auferstehung. Wir gehen durch diese Welt und wandeln unsere Gestalt, um ihm ähnlicher zu werden. Wir lassen unsere Gestalt wandeln auf unsere neue Gestalt hin, und wir werden sie gewinnen, indem wir auferstehen.
Als letztes seiner Worte über das Geheimnis, das in ihm erschien, sagt Jesus: Ich bin der Weg. Ich bin die Wahrheit. Ich bin das Leben.
Als er Abschied nahm von dieser Erde, da standen einige ratlose Leute um ihn herum. Als er ihnen sagte: Ihr kennt euren Weg, denn ihr kennt meinen Weg, da antwortete einer: Wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir den Weg wissen. Da sagte Jesus: Ich bin der Weg. Stelle dich an den Ort, an dem du mich siehst. Du wirst deinen Weg sehen. Und vielleicht wirst du dabei für andere Menschen etwas wie ein Weg.
Als Jesus vor seinem Richter, vor Pilatus, stand, sagte er: Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Da fragte der Römer wegwerfend: Was ist Wahrheit? Die Antwort darauf hatte Jesus den Seinen schon früher gegeben, und wir können sie so fassen: Wahrheit kommt nicht an den Tag, wo einer forscht und nachdenkt. Das sind bestenfalls Fingerübungen. Wahrheit ist mehr. Sie ist der freie Blick auf Gott. Schau mich an, sagt Jesus. Wenn du die Wahrheit sehen willst, dann sieh auf mich. Das ist der Blick auf die Wahrheit, die dir in dieser Welt schon gegeben ist. In dieses Geheimnis übe dich ein mit allen Kräften des Geistes und der Seele. Und meine lieben Freunde, ich jedenfalls möchte auf meine alten Tage nur noch begreifen, was es in dieser Welt schon an Wahrheit zu begreifen gibt: den großen Zusammenhang zwischen Gott und unserer Seele, zwischen Gott und dieser Welt.
Ich bin das Leben, sagt Jesus und fasst noch einmal alles zusammen. Unser Weg also ist zunehmendes Leben, ein Weg der Wandlung in ein immer lebendigeres Bild Gottes.
"Wir sind nicht, was wir sein werden", sagt Johannes. "Wir werden ihm aber ähnlich sein, denn wir werden ihn schauen, wie er ist." Wir werden Christus auch in uns selbst erkennen. Wir überschreiten, was war, und gehen dem Leben entgegen, wie wir eine vergangene Woche überschreiten und einer neuen Woche entgegengehen.
Und vielleicht wird uns unser eigenes Bild dabei deutlicher. Wir werden nicht weniger sein als das, was Jesus über sich selbst sagt: Wir - das Licht. Wir - das Brot. Wir - der Wein. Wir - die Hirten. Wir - die Tür. Wir - die Auferstehenden. Wir - der
Weg. Und wir finden dabei die Wahrheit und das Leben. Und den Sinn unseres Schicksals: die Wandlung in das Bild Gottes.
Wenn kein Rat ist, sagen wir: Christus ist die Tür. A!so gehen wir durch diese Tür. Wir werden die Wahrheit finden. Wenn die Seele hungert, sagen wir: Christus, das Brot. Wir werden also finden, was wir brauchen. Wenn die Kraft schwindet: Christus, der Weinstock. Seine Kraft ist in uns, und sie wird wachsen. Wenn es dunkel wird: Christus das Licht. Er macht uns selbst zu einem Licht. Wenn die Angst groß ist: Christus, der Hirte. Wir vertrauen uns ihm an. Er wird uns ans Ziel führen. Wenn die Stunde des Todes kommt: Christus, die Auferstehung. Wir werden ihm begegnen. Wir werden mit ihm leben. Und morgen früh, wenn eine neue Woche beginnt. Wir sehen unseren Weg. Wir haben die Kraft, ihn zu gehen. Und wenn uns davon nur eines dieser sieben Wortbilder trifft, dann gehen wir unseren Weg, unser künftiges Leben mit diesem einen Wort.
Und in all dem wächst in uns das Vertrauen und die Zuversicht. Die Zukunft wird der Weg sein, den Gott mit unserer Seele und mit dieser Menschheit und mit dieser Erde geht. Ihm sei Ehre und Preis in Ewigkeit. Amen.
















