Evangelisch - Lutherische Superintendentur Bad Salzungen - Dermbach
16. Dorndorfer Kirchfest
Vortrag von Dr. Jörg Zink "Der Himmel liebt auch die schwarzen Schafe"
KIRCHE
Ökumene als entscheidende Frage
VON STEFAN SACHS
„So lange es kein Einvernehmen zwischen den Religionen gibt, wird auf dieser Erde kein Einvernehmen zwischen den Kulturen entstehen.“ Dr. Jörg Zink sprach in der Dorndorfer Kirche Klartext. Der bundesweit bekannte Theologe aus Stuttgart hielt beim Kirchenfest in der Rhöngemeinde einen Vortrag.
DORNDORF – Etwa 120 Zuhörer hatten in den Kirchenbänken Platz genommen – aus Dorndorf und Umgebung, manche kamen von weiter her. Der 84-jährige Jörg Zink erzählte zunächst eine persönliche Geschichte, den Grund, warum er nach Dorndorf kam. Vor einigen Jahren, noch in der Zeit des Kalten Krieges, war der Theologe an einer großen Demonstration der Friedensbewegung am Raketenstützpunkt in Mutlangen beteiligt. „Wir hatten mehrere Tage lang die Raketenstellung umstellt und bekamen Kontakt zu Ruprecht von Butler, der für die Sicherheit des Stützpunktes verantwortlich war. Er sagte zu uns Demonstranten: Sagt eure Sache, sagt sie deutlich.“ Zink sicherte dem Bundeswehrgeneral damals zu, er wolle dafür sorgen, dass bei dieser Demonstration keine Gewalt angewandt wird. „Das demokratische Verhalten des Generals hat mich beeindruckt.“ Daraus entstand eine Freundschaft. Ruprecht von Butler lebt heute in Dietlas, einem Ortsteil von Dorndorf.
„Der Himmel liebt auch die schwarzen Schafe“, so lautete das Motto des 16. Dorndorfer Kirchenfestes. Er stammt aus der Feder von Jörg Zink, ist der Titel eines seiner Bücher. Bei einer Wanderung sah er eine Schafherde mit rund 800 Tieren. „Alle waren weiß, nur ein einziges Lamm war schwarz. Da fiel mir ein, dass viele Kinder und Jugendliche als ,schwarze Schafe' bezeichnet werden. Immer, wenn etwas schief geht, sind sie schuld.“ Daraufhin schrieb er das Buch mit genanntem Titel. „Jesus hatte es mit ausgesprochen vielen schwarzen Schafen seines Volkes zu tun, mit Tagelöhnern, Zollwächtern, Dirnen. Er unterschied aber nicht zwischen den einzelnen Schichten. Sein Anliegen war, ein schwesterlich-brüderlich verbundenes Volk zu finden“, sagte Zink.
Jesus habe ein neues Bild vom Menschen gezeichnet: „Ihr seid nicht Abfall, sondern ein Acker, auf den Saat geworfen wird, aus der etwas wachsen soll.“ Jesus habe alle ohne die ihnen angehängten Etiketten eingeladen und um seinen Tisch versammelt. Er habe nicht mit dem Unterricht der zehn Gebote begonnen, sondern den Menschen gezeigt, dass sie geliebt werden. Kein Mensch könne sich allein, aus eigener Kraft ändern. Er könne aber geändert werden durch die Liebe, die ihm begegne.
Bei Menschen, denen er begegnet, entdecke er oft eine Mattigkeit, verbunden mit Angst, sagte Jörg Zink. „Mut fehlt. Es ist vor allem nötig, dass die Angst abnimmt. Wie kam der wehrlose Mensch Jesus zu dieser Kraft? Woher nahm er den Mut, so zu handeln und zu leben? Ganz einfach: Weil er die Gewissheit Gottes hatte.“
Nach dem rund einstündigen Vortrag beantwortete der Theologe Fragen. Wie die Zukunft in Deutschland sein wird, wo sich Menschen immer mehr vom christlichen Glauben abwenden, wollte ein Zuhörer wissen. „Die Kirche wird künftig kleiner sein, aber dichter beieinander. Sie wird dichter in ihren Zellen sein, weil man zu ihr gehört und nicht zu ihr gehören muss“, antwortete der Stuttgarter. Einen Tipp, wie man besser mit Jugendlichen umgehen könne, wollte eine Zuhörerin. „Nach der Konfirmation sind sie meistens aus der Kirche verschwunden“, beklagte sie. Obwohl er in seinem Leben viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, habe er kein Rezept parat, antwortete der Theologe. Einen Tipp hatte er dennoch: „Nehmen Sie einen 15-Jährigen mit auf einen Kirchentag. Die Atmosphäre dort animiert oft zum Wunsch, dazuzugehören. „Es ist aber nicht Allheilmittel, ihnen einen Unterricht zu verpassen, wenn es nur Unterricht ist“, betonte er. Jörg Zink hatte in seinem Vortrag an die Menschen appelliert, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. „Jesus sagte doch: Liebe dich auch selbst“, warf eine Frau ein. Das sei richtig. Aber es sei entscheidend, ob danach der eigene Mensch im Mittelpunkt steht oder da mehr ist, meinte Zink. „Wir wissen heute, dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, tun aber so, als ob wir selbst der Mittelpunkt wären.“
Ob Kirche politisch wirksam sein sollte, wollte eine Zuhörerin wissen. „Wenn Unrecht uns nichts angeht, haben wir kein politisches Mandat. Wenn es uns etwas angeht, haben wir schon ein Mandat“, antwortete Zink. Jeder Pfarrer habe genauso wie jeder Bäckermeister oder Lehrer das Recht, ein politisches Mandat auszuüben. „Er darf nur nicht sagen: So wie ich müssen jetzt alle Christen denken. Er muss aushalten, dass andere Christen politisch anders denken wollen“, betonte der Theologe.
Auch zur Ökumene bezog er Stellung und bezeichnete sie als „entscheidende Frage unserer Kirche“. Die Konfessionen hätten im 16. Jahrhundert einen historischen Sinn gehabt, den sie heute nicht mehr haben. „Wir dürfen natürlich nicht alles wegwerfen. Aber, dass es heute kein gemeinsames Abendmahl zwischen evangelischen und katholischen Christen gibt, ist ein Skandal und sonst gar nichts“, so wörtlich. Jörg Zink ging sogar noch weiter und warb für eine Ökumene zwischen den Religionen überhaupt. „Wenn ich Abendmahl austeile und ein Hindu kommt auf mich zu, stelle ich mir vor, was Jesus getan hätte. Und ich denke, ich würde dem Hindu das Abendmahl reichen. In diese Richtung läuft die Ökumene“, sagte Zink.
Einen von Empfertshäuser Schnitzschülern geschnitzten Fisch als Symbol der Christen und einen Rhön-Wanderführer überreichte Dorndorfs Pfarrer Rolf Lakemann als Dankeschön an den Referenten. „Ich bin seit meiner Geburt mit der Rhön verbunden“, gestand Jörg Zink ein. Auf dem Habertshof bei Schlüchtern hatte er 1922 das Licht der Welt erblickt.
















