Evangelisch - Lutherische Superintendentur Bad Salzungen - Dermbach

350 Jahre Superintendentur Bad Salzungen im Jahr 2007
"Wie kam es, dass wir so wurden, wie wir sind..."
Sprünge durch die Kirchengeschichte der Region der heutigen Superintendentur Bad Salzungen/Dermbach
Zusammengestellt von Tobias Schüfer
Vorbemerkung
Für den Leitbildtag unserer Superintendentur Bad Salzungen-Dermbach im Oktober 2005 wurde ich gebeten, in groben Zügen die kirchengeschichtliche Entwicklung in unserer Region aufzuzeigen. Diese Aufgabe erwies sich als mehrfach schwierig. Zum einen steckt die Erforschung unserer Regionalkirchengeschichte noch in den Anfängen. Die vorliegenden Ausführungen können einem wissenschaftlichen Anspruch kaum genügen: Es handelt sich hier lediglich um ein Exzerpt aus dem Buch Rudolf Herrmanns. Die zweite Schwierigkeit bestand darin, den Vortrag nicht zu lang werden zu lassen und für Laien verständlich zu bleiben. Durch die Kürze bleibt vieles nur angedeutet, jedoch war ja die Aufgabe gestellt, die groben Entwicklungslinien aufzuzeigen.
Nach dem Leitbildtag wurde ich gebeten, diesen Vortrag zum Nachlesen zur Verfügung zu stellen. Trotz meiner Bedenken wegen der nach wissenschaftlichen Regeln unhaltbaren Form komme ich dem Wunsch doch nach in der Hoffnung, dass dieses Exzerpt das Interesse an der Geschichte der eigenen Kirchgemeinde verstärkt und zum Nachfragen und Weitersuchen anregt.
Es fing nicht erst mit Bonifatius an...
"Als Bonifatius i. J. 719 zum ersten Mal nach Thüringen kam, fand er kein christliches Volk; aber ein Volk, in dem Christen und Heiden nebeneinander lebten." Mit diesem Satz beginnt Rudolf Herrmann seine "Thüringische Kirchengeschichte", die - in den dreißiger Jahren geschrieben - bis heute nicht überholt ist, sich immer noch sehr gut liest und aus der alle nachfolgenden Angaben entnommen sind.
Bonifatius war nicht der erste, der den christlichen Glauben in unsere Region brachte. Zuvor gab es schon iroschottische Wandermönche, die schon seit längerer Zeit das Land durchzogen und den Glauben an Jesus Christus weitergaben. Zudem brachte die fränkische Kolonisation mit ihren Königshöfen das Christentum in unsere Region. Diese zogen sich entlang der fränkischen Saale und der Werra von Süd nach Nord: über Mellrichstadt, Meinigen, Walldorf, Breitungen, Barchfeld, Salzungen und Dorndorf dann weiter nach Gerstungen und Mihla. Neben dem Werratal haben die Franken vor allem in der Rhön kolonisatorisch gewirkt. Bonifatius, der ursprünglich Wynfrith hieß, kam von der Südküste Englands über Friesland nach Deutschland. Pabst Gregor II. beauftragte ihn mit der Missionsarbeit in Mitteldeutschland. Im Unterschied zu den Sachsen, dem einzigen Stamm, der sich der Christianisierung massiv entgegenstellte und dann auch zwangsmissioniert wurde, geschah die Missionierung in allen anderen Regionen Germaniens nur freiwillig, so auch in Thüringen.
Bonifatius fand eine christlich-heidnische Mischreligion vor. Es gab Priester, die auf Wunsch auch den germanischen Göttern opferten, es gab Leute, die andere tauften, ohne selbst getauft zu sein. 724 kam Bonifatius ein zweites Mal nach Thüringen und konnte hier Massenbekehrungen erreichen. Taufunterricht wird es nur in knapper Form gegeben haben, das apostolische Glaubensbekenntnis zu können und eine Abschwörungsformel zu sprechen reichte aus, um Christ zu werden. Schwierigkeiten gab es für die Neubekehrten durch die christlichen Speiseverbote. Sie durften nicht mehr - wie bisher üblich - Pferdefleisch essen, auch Biber, Hasen, Störche und Raben wurden vom Speiseplan gestrichen. Unseren frisch christlich gewordenen Vorfahren war es fortan auch verboten, innerhalb der Verwandtschaft zu heiraten, was offensichtlich bislang üblich war.
Die Grenzen des neu gebildeten Bistums Erfurt, welches nicht lange bestand, waren zugleich die Thüringer Stammesgrenzen: Der Thüringer Wald nach Süden hin, die Saale und Unstrut im Osten, der Harz nach Norden. Die Südwest-Grenze verlief südlich der Orte Salzungen, Dorndorf und Vacha. Wir erleben, was sich durch die Geschichte hindurch zieht: Die jetzige Superintendentur Bad Salzungen Dermbach gehörte bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein immer wieder zu den verschiedensten Herrschaftsbereichen.
Die dunklen Jahrhunderte 750-1190
Im 8. Jahrhundert beginnen die Schenkungen an die Klöster, in unserer Region vor allem an die Klöster in Fulda und in Hersfeld. Die Königshöfe wurden übergeben: 815 Geisa, Spahl und Vacha an das Kloster Fulda, 755 Salzungen und 786 Dorndorf an das Kloster Hersfeld. Damit zusammenhängend wurden Verwaltungsgebiete geschaffen, deren Namen noch bis in unsere Gegenwart hinein gebräuchlich sind: Das Geisaer Amt sowie das Amt Fischberg (Dermbach).
In dieser Zeit durften Taufen und Begräbnisse nur in den wenigen Pfarrkirchen durchgeführt werden, Messen und Predigten auch in Kapellen, für die der Pfarrer Gehilfen hatte. Urpfarreien für das Bistum Erfurt waren in unserer Region in dieser Zeit Hausen (ein jetzt eingegangenes Dorf ganz nahe bei Salzungen), Vacha, Geisa, Dermbach und Kaltensundheim. 813 wurde in Fischbach ein Kloster gegründet, immerhin denkbar ist, dass es sich dabei um das Fischbach in der Rhön handelte.
Die Kirchen waren zu dieser Zeit noch einfach aus Holz gebaut. Täglich um 9 Uhr wurde Messe gehalten, die kanonischen Gebetsstunden wurden eingehalten, mindesten alle 2-3 Wochen war Sonntags zu predigen, in der Zeit vor Ostern hatte der Pfarrer die Gemeinde zur Beichte aufzufordern, die Ablösung von Strafen konnte auch durch Geld erfolgen. Die politische Macht verteilte sich auf mehrere edelfreie Geschlechter, zu denen auch die Herren von Frankenstein bei Salzungen gehörten. Von 1130 an war Ludwig Landgraf von Thüringen. Sein ältester thüringischer Besitz waren die Wartburg, die Neuenburg bei Freyburg an der Unstrut sowie Reinhardsbrunn bei Friedrichroda.
Es war die Zeit der Kreuzzüge, die vor allem für einen christlichen Enthusiasmus sprachen, in der Literatur ist von einer "gesteigerten religiösen Leidenschaft" die Rede. Für die Christen von damals war es unerträglich, dass die heiligen Stätten der Christenheit in den Händen von Ungläubigen waren. Das wollte man ändern.
Wenn es zu Klostergründungen in Thüringen kam, waren diese alle Filialen bzw. Zellen der großen Klöster Hersfeld und Fulda. Zu nennen sind Zella, Herrenbreitungen und ein kleines Kloster in Georgenzell. Hinzu kommt, dass eines der drei Frauenklöster Thüringens, die in dieser Zeit entstanden sind, in Frauenbreitungen gegründet wurde.
Das Hochmittelalter 1190 bis 1350
Diese Zeitspanne ist geprägt durch die päpstliche Herrschaft über die deutsche Kirche. Die Thüringer Landgrafen regierten den Norden unserer heutigen Superintendentur. Der bekannteste vielleicht Ludwig der IV, der von 1217-27 regierte. Bekannter noch als er selbst ist seine Frau Elisabeth. Der Süden unserer heutigen Superintendentur lag im Herrschaftsgebiet der Henneberger. Im Hochmittelalter, auch das "Zeitalter der Heiligen und der Ketzer" genannt, gab es Klostergründungen vor allem in den Städten. Aber auch in unserer ländlichen Region kam es zu einer Neugründung: Kloster Mariengart, welches bald aus Sicherheitsgründen nach Vacha verlegt wurde, dann aber doch als Filial weiter bestand. Der Chor der alten Klosterkirche in Vacha wurde später zur Friedhofskapelle in Vacha. Ein Dominikanerkloster gründete sich in Geisa.
Es war auch die Zeit der Pest und damit verbunden auch der Judenverfolgung, weil den Juden Brunnenvergiftung vorgeworfen wurde. In unserer Region kam es in Salzungen zu Verfolgungen.
Auch in der kirchlichen Praxis gab es Veränderungen: Die Ehe, die im frühen Mittelalter eine rein weltliche Angelegenheit war, wurde jetzt vor dem Priester geschlossen. Das Ablasswesen wurde immer stärker. Es ging darum, um des Seelenheils willen möglichst viele Messen zu lesen und Ablass zu erwirken. Und interessant ist, dass es schon im Mittelalter zur Gewohnheit wurde, dass bei den Kirchweihfeiern "schlimme Völlereien und Streitigkeiten" vorkamen und dabei sogar Menschen getötet wurden. Im Hochmittelalter oder Spätmittelalter kam es auch in unserer Region zu zahlreichen Kirchenneubauten, häufig entstanden Kirchen mit Wehrtürmen und Wehrmauern.
1440 kam es in dem uns interessierenden Fürstenhaus zur Teilung in Ernestiner und Albertiner. Als Herzog Wilhelm III., der den Regierungssitz nach Weimar verlegte - von dort aus sind die nördlichen Gebiete unserer Superintendentur über Jahrhunderte regiert worden - starb, wurde, weil er keine Söhne hinterließ, sein Land an seine beiden Neffen geteilt. Kurfürst Ernst erhielt die fränkischen Gebiete, die Südhälfte Thüringens (auch den Norden unserer Region), dazu Gebiete bis hin ins Vogtland und das Kurfürstentum Sachsen (um Wittenberg). Ernst wurde dann durch Friedrich den Weisen beerbt, der Kurfürst, der Martin Luther förderte.
Zu den politischen Zugehörigkeiten: Der Norden unserer jetzigen Superintendentur wurde regiert von den Ernestinern, von Weimar, später dann von Wittenberg aus. Der Südteil war im Besitz der Grafen von Henneberg, denen u.a. das Amt Fischberg (Dermbach) und Kaltennordheim gehörte. An der Westgrenze gehörten Vacha und das Geisaer Amt zu Fulda.
Zur Frömmigkeit im Spätmittelalter: Vor der Reformation wurde in Thüringen nicht wenig, sondern viel gepredigt. Aus einer Ordnung von 1511 geht hervor, dass der Prediger nicht nur an sämtlichen Sonntagen, sondern auch an 103 Wochenfesten und Heiligentagen dem Volke zu predigen hatte. Das Leben der Menschen im Mittelalter war sehr eng mit der Kirche verbunden. Zu nennen ist auch die Tradition der Wallfahrten. Etwa der Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren verlief durch unsere Region. Wahrscheinlich sind mehrere Wegverläufe: Die via regia über Erfurt-Gotha-Eisenach nach Vacha, ein anderer Jakobus-Pilgerweg verlief über Erfurt-Ilmenau-Schmalkalden-Wiesenthal-Bremen nach Fulda. Nicht nur Fürsten und Bürger, auch Bauern zogen auf diesen Wegen nach Spanien. Ein Wallfahrtsort von großer Bedeutung befand sich in unserer Nähe: Grimmenthal bei Meiningen. Im Jahre 1503 etwa soll es dort 44000 Pilger gegeben haben, später ist auch Martin Luther dort vorbeigekommen und hat sich später kritisch dazu geäußert. Man versprach sich Heilung von Krankheiten, in Grimmenthal versprach man sich vor allem gegen die Ende des 15. Jahrhunderts in Deutschland aufkommende Syphilis Wirkung.
Die Reformation
Bei einer Beschreibung der Kirchengeschichte unserer Superintendentur darf zunächst gesagt werden: Der Reformator Martin Luther stammt aus unserer Region: Seine Familie gebürtig aus Möhra. In den zu Kursachsen gehörenden Gebieten schritt die Reformation rasch voran, vor allem in den Städten forderten die Bürger evangelische Predigt und die Umbildung der gottesdienstlichen Formen. Die Situation auf den Dörfern ist weniger gut überliefert, Unruhe und Erwartungen gab es auch unter den Bauern. Durch den Kurfürsten wurden Visitationen durchgeführt, um die Durchsetzung der neuen Lehre zu überprüfen. Mit der Reformation gingen auch die Einrichtung der Superintendenturen und die Ernennung von Superintendenten einher. Der nördliche Teil unserer jetzigen Region, etwa Salzungen, gehörte zur Superintendentur Eisenach. Henneberg, wozu die Südteile unserer Region gehörten, konnte sich erst 1544 zur Reformation durchringen, Das Amt Rockenstuhl, wie das Geisaer Amt hieß, gehörte zum Territorium der Abtei Fulda, die auch die Landeshoheit über die ritterschaftlichen Gebiete der Herren von Boyneburg in Stadtlengsfeld und Weilar und der Herren von Völkershausen besaß. Auch die ritterschaftlichen Gebiete führten die Reformation ein. So hatten etwa die Bauern von Völkershausen schon 1525 einen evangelischen Pfarrer gefordert, wofür sie von Hans von Völkershausen bestraft wurden. Aber seit den 40er Jahren war der Pfarrer von Völkershausen evangelisch, Stadtlengsfeld und Weilar wohl auch. Auch die Stadt Geisa wurde in Gänze evangelisch.
Zu Veränderungen kam es, als Kurfürst Johann Friedrich als einer der Verlierer des Schmalkaldischen Krieges im April 1547 vom katholischen Kaiser Karl in Haft genommen wurde. Trotz aller Verlockungen, freigelassen zu werden, das Land wieder zu erlangen, trotz aller Drohungen, nach Spanien verbracht zu werden, hielt er stand und blieb evangelisch. Er verzichtete auf die Kurwürde, d.h. darauf, einer der sieben mächtigsten Männer in Deutschland zu sein. Bei der Wittenberger Kapitulation wurde auch festgelegt, dass das Land der Ernestiner auf das Territorium etwa des jetzigen Thüringen reduziert wurde. Erst im Herbst 1552 wurde Johann Friedrich freigelassen und ging in seine Hauptstadt Weimar. 11/2 Jahre später starb er im Alter von nur 51 Jahren.
Ein Ergebnis der Reformation war, dass die Klöster aufgelöst wurden, das Kloster Zella jedoch blieb bestehen und wurde fuldaische Seelsorge-Probstei, zu der auch die Ortschaften Mebritz, Lindenau und Glattbach gehörten. Das Gebäude wird bis heute Probstei genannt.
In allen Teilen Thüringens kam die lutherische Gottesdienstform in Geltung, wobei man im Mutterland der Reformation bei der Umgestaltung des gottesdienstlichen Lebens - im Unterschied zur Reformation etwa in Süddeutschland - vorsichtig und behutsam vorging. In den Kirchen kam es zu Umbauten: Die vielen kleinen Kapellen, in denen nur Messen gelesen wurden, verschwanden. In den Kirchen wurde Gestühl und Emporen eingebaut.
Eine Besonderheit ergab sich in Vacha, welches zeitweise reformiert wurde. Zu den Fürsten, die das lutherische Bekenntnis nicht angenommen hatten, gehörte Landgraf Wilhelm von Hessen Kassel. Sein Sohn Moritz (1592-1632) überführte die Kirche von Hessen-Kassel zur reformierten Kirche. In Vacha und den umliegenden Dörfern, welche zu Hessen-Kassel gehörten, wurden die reformierten Traditionen 1605 eingeführt. Diese Abwendung von der lutherischen Form führte in Vacha zu Protesten unter der Bevölkerung. So wird berichtet, dass Pfingsten 1608 Gemeindeglieder aus Vacha und Sünna nach Völkershausen gingen, um dort das richtige lutherische Abendmahl zu empfangen.
In diesem Zeitraum fand die Gegenreformation statt, in Thüringen allein in unserer Region, nämlich im Geisaer Amt. Geisa war 1542 zum größten Teil evangelisch geworden. Balthasar von Dernbach begann 1570 die Gegenreformation, indem er Jesuiten nach Geisa führte. Als 1576 der Befehl kam, das Abendmahl nur noch nach katholischer Lehre in einer Gestalt auszuteilen, hat sich die Bevölkerung in Geisa, die gut evangelisch war, dagegen gewehrt. Die Bürgerschaft sandte eine Beschwerde sogar an den Reichstag. Der Widerstand war groß, dem evangelischen Adel gelang es, Balthasar von Dernbach abzusetzen. Der Kaiser griff ein und bestellte eine vorläufige Regierung, die jedoch die Gegenreformation weiter betrieb. 1602 erhielt Baltasar sein Land wieder. Als er 1606 starb, war das ganze Gebiet wieder katholisch. Wer sich nicht fügte, musste auswandern und etwa die Hälfte seines Besitzes als Abzugssteuer zurücklassen. Auch in den ritterschaftlichen Besitzungen der Herren von Boyneburg (Stadtlengsfeld und Weilar) und von Völkershausen wurden später, während des dreißigjährigen Krieges durch den Abt von Fulda rekatholisiert. Der Protest der Herren von Boyneburg und Völkershausen nutzte nichts, vier Jahre dauerte die katholische Zeit in Stadtlengsfeld und Weilar. Im dreißigjährigen Krieg wurden sie wieder evangelisch.
In Vacha, welches hessisch war, besaß auch der Abt von Fulda noch Rechte. Abt Balthasar nahm 1572 und 1573 Vorstöße zur Wiedereinführung des Katholizismus.
Der Dreißigjährige Krieg wurde bereits erwähnt, die Auswirkungen waren katastrophal. In Frauensee gab es z.B. im Jahr 1628 noch etwa 70 Haushaltungen, im Jahre 1673 waren es nur noch 27. Die Kirchen waren zerstört oder schwer beschädigt, die Pfarrhäuser verfallen, die Orgeln zerstört und das Abendmahlsgerät gestohlen. So war in Unterbreizbach 1661 immer noch kein Abendmahlskelch vorhanden.
Thüringen war seit dieser Zeit extrem zerteilt: Es gab um 1680 in Thüringen 22 staatliche Zwerggebilde mit 22 Hofhaltungen. Dazu kamen die ritterschaftlichen Gebiete wie die von Stadtlengsfeld und Völkershausen sowie die gefürstete Abtei Fulda. Trotzdem kam es im Gebiet unserer jetzigen Superintendentur zu einer Konzentration: Neben den Gebieten, die zum Herzogtum Sachsen-Weimar gehörten und denen, die zu Fulda oder zu den ritterschaftlichen Gebieten und zu Tann gehörten (Frankenhain und Birx), wurde 1660 die Verwaltung der Grafschaft Henneberg aufgehoben, das Amt Kaltennordheim fiel an Weimar. 1681 entstand das Herzogtum Sachsen-Meiningen.
Das gottesdienstliche Leben wurde überaus reich, es wurden zahlreiche Gottesdienste gehalten. Wenn mehrere Kirchen im Kirchspiel waren, musste der Pfarrer drei oder vier jeweils unterschiedliche Predigten halten. Die Predigten waren deutlich länger als heute. Die Weimarische Kirchenordnung von 1664 schrieb für die Predigt vor, sie dürfe sonntags nicht länger als eine Stunde, sonst nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Diese Regelung macht deutlich, dass es offensichtlich ein Problem mit noch längeren Predigten gab. Der Nebeneffekt: Kirchenschlaf stellte sich ein, die Zuhörer waren von starker körperlicher Arbeit zu sehr ermüdet. Es gab eine Verordnung in dieser Zeit, die befahl, "die Aufwecker anzuweisen, die Schlafenden mit dem Stock nur bescheidentlich anzustoßen", damit sie nicht "zu noch unziemlicherem Beginnen gereizt oder die andern in ihrer Andacht gestört" würden.
In diesem Zeitraum erlebte die Kirchenmusik in Thüringen eine Blütezeit. Gerade auch auf dem Land gab es zahlreiche Chöre, die Bezeichnung "Choradjuvant" findet sich heute noch in den Kirchenbüchern mit angeführt, wenn ein Verstorbener im Kirchenchor mitgesungen hatte.
Pietismus und Aufklärung 1685-1815
Weimar hatte auf dem Wiener Kongress eine Aufwertung erfahren: Karl August war zum Großherzog erklärt worden und sein Land erhielt einen Gebietszuwachs, der es fast verdoppelte. In unserer Region erhielt er von Hessen das Amt Frauensee und die Stadt Vacha mit einigen Dörfern, von Fulda erhielt er das Amt Dermbach sowie das Amt Geisa, die Orte rechts der Felda blieben bei Weimar, das übrige wurde an Fulda zurückgegeben. Ebenfalls erhielt er die ritterschaftlichen Gebiete Völkershausen und Stadtlengsfeld und Weilar. Der Pietismus kam in Thüringen lediglich in der winzigen Grafschaft Obergreiz zum Zuge. Sonst hatten nur vereinzelte Theologen und Bürger daran teilgenommen. Am wenigsten kam es zu einer Ausbreitung unter den Bauern. Das kirchliche Brauchtum war weithin starr und nicht Ausdruck des inneren Lebens. Der Pietismus wollte aber gerade die persönliche Überzeugung. Auswirkung auf das kirchliche Leben hatte immerhin die weitere Ausbreitung der Konfirmation: Es galt, zur eigenen Taufe selbst ja zu sagen.
Die beginnende Aufklärung verstärkte die Entkirchlichung. Karl August, Großherzog von Weimar, entzog sich mit 18 Jahren der kirchlichen Sitte. Goethe, Kultusminister in Weimar, bezeichnete sich als "dezidierter Nichtchrist", die Landesherren begannen, nicht mehr in die Gottesdienste zu gehen. In diesem Zeitabschnitt kam es zu einem letzten Ausläufer der Gegenreformation. Das Amt Fischberg (Dermbach), welches zur Abteil Fulda gehörte, nahm Fulda 1707 in Besitz und behielt es bis1741. 1716 kam ein katholischer Priester nach Dermbach, 1730 wurden ein Franziskanerkloster und die Pfarrkirche gegründet.
Durch den Rationalismus wurden auch die Gottesdienste, namentlich die Predigten verändert. In mancher Predigt wurde nun ausführlich über die Bienenzucht oder über die Stallfütterung geredet. Die Gottesdienstbesuche waren zwischen Stadt und Land unterschiedlich. Erkennbar ist eine Absinkung der Zahl der Gottesdienstbesucher im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. In den Jahren zwischen 1650 und 1750 lag trotzdem eine Haupt-Bauzeit von Kirchen auch in unserer Region. Der Landesherr war immer auch das Kirchenoberhaupt und für alle geborenen Landeskinder bestand der Taufzwang.
Das 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert setzten sich einige Pfarrer stark für die sozialen Belange der Bevölkerung ein. Es wurden Dorfbüchereien gegründet, Kleinkinderbewahranstalten, Dorfsparkassen. In Wiesenthal baute Pfarrer César das erste größere Gemeindehaus in einem deutschen Dorf mit Wohnung für die Gemeindeschwester und einem Saal, der im Sommer die Kinderbewahranstalt aufnahm, als Turnsaal eingerichtet war und in den Winterabenden für Gemeindeabende und Theateraufführungen genutzt wurde. Auch in den Rhöndörfern wurden Raiffeisen-Darlehenskassen gegründet. Im 19. Jahrhundert kam es zu einer starken Konzentration der Bevölkerung in den Städten. Die Industrialisierung hielt Einzug: vor allem im Werratal, weniger in den entlegenen Rhön-Gemeinden. Die Eisenbahn wurde gebaut: die Werratal-Bahn, auch die Verbindung Salzungen-Dorndorf sowie die Feldatal-Bahn entstanden.
Der Besuch der Gottesdienste ging teilweise zurück, die Rhön wird als die Region genannt, in der sich die Kirchlichkeit weitgehend bewahren konnte. Die Mitgliederzahlen blieben bis etwa in die zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stabil.
Die Gründung der Thüringer evangelischen Kirche nach 1918
Durch die Abdankung der Herzöge in Thüringen verloren die Landeskirchen ihre Leitung und mussten sich neu orientieren. 1919 und 1920 gingen die einzelnen Kirchen unter der Moderation der Theologischen Fakultät Jena aufeinander zu und organisierten sich mehr und mehr zu einer Landeskirche. Bei der Verfassung konnten die Liberalen ihre Prägung durchsetzen: Die Kirche in Thüringen sei eine "Heimat evangelischer Freiheit und Duldsamkeit". Die Unbestimmtheit dieser Formulierung wurde bereits bei einer Nachverhandlung 1924 erkannt und präzisiert: Sie sei "Ursprung und Wesen nach eine Kirche lutherischen Bekenntnisses".
Die "Freiheit und Duldsamkeit" führte dazu, dass gerade in Thüringen die nationalsozialistischen Pfarrer, die anderswo untragbar geworden waren, aufgenommen wurden. Die Thüringer Deutschen Christen entwickelten sich früher und stärker als sonst in Deutschland. 1933 übernahmen sie die Kirchenleitung und konnten sich - im Unterschied zu den meisten anderen Regionen in Deutschland - auch in den Jahren nach 1936 weiter festigen und stärken. Auch hier gab es deutschchristliche Pfarrer, aber auch "Bekennende Gemeinden", etwa in Kaltenwestheim oder Pfarrer, die zum Pfarrernotbund gehörten. So wurde Pfarrer Carlsson aus Wiesenthal wegen Kritik am nationalsozialistischen Staat inhaftiert und später von der Kirchenleitung strafversetzt.
Vom zweiten Weltkrieg bis zur Wende
Nach dem Zusammenbruch der Landeskirche 1945 wurden die Lehren aus den Zeiten der Heimat von "Freiheit und Duldsamkeit" gezogen. Auch unter dem Einfluss der "Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft", wie die Bekennende Kirche in Thüringen hieß, wurde Thüringen zu einer evangelisch-lutherischen Landeskirche. Gerade unter dem Bischof Moritz Mitzenheim hat man vom "Thüringer Weg" gesprochen, der in einer besonderen Nähe zur DDR-Regierung seinen Ausdruck fand. Prägend für die DDR-Kirchengeschichte war der stark kirchenfeindliche Kurs von Partei und Regierung. Erinnert sei hier an den Kampf gegen die Junge Gemeinde, aber auch an die Förderung der Jugendweihe, die stark gegen die Konfirmation gerichtet war. Die Austritte häuften sich vor allem in den industrialisierten Regionen, in den weiterhin landwirtschaftlich geprägten Dörfern etwa der Rhön gab es deutlich weniger Austritte.
Das, was inzwischen zu einer Superintendentur geworden ist, waren während der DDR-Zeit drei Superintendenturen. Zum einen die Superintendentur Bad Salzungen mit ihren über die DDR-Zeit unveränderten 13 Pfarrämtern, daneben die Superintendentur Dermbach mit 15 Pfarrämtern, wobei das Pfarramt Frankenheim noch Ende der 60er Jahre aus der Superintendentur Ostheim mitbetreut wurde. Und dazu gehörte noch die kleine Superintendentur Vacha mit ihren nur 9 Pfarrstellen, die in besonderem Maße durch das Sperrgebiet geprägt war. Vacha wurde in der ersten Strukturreform aufgelöst und die Gemeinden unter Salzungen und Dermbach verteilt, später fusionierten auch diese beiden Superintendenturen. Doch hier kommen wir uns selbst und unserer eigenen Geschichte schon zu nahe.
Abschließend möchte ich auf zwei Superintendenten aus dem Ende der DDR-Zeit hinweisen, die in ihrer Polarität die Spannung beschreiben, in der wir uns in den zurückliegenden Jahren befunden haben und vielleicht heute immer noch befinden. Hinweisen möchte ich exemplarisch auf den ehemaligen Superintendent von Vacha Peter Raatz, der für das Ministerium für Staatssicherheit tätig war und damit viele Menschen enttäuscht hat. Und auf der anderen Seite soll Superintendent Martin Schneyer aus Bad Salzungen genannt werden, dessen Engagement in der Wendezeit inzwischen mit einer Gedenktafel vor der Stadtkirche gewürdigt wird. Vielleicht hat sich unsere Kirche stets zwischen diesen beiden Polen bewegt: Versagen und Bestehen. Und zwischen diesen beiden Polen bewegt sie sich wohl weiter.
Literatur:
- Dahinten, Paul: Die Konvente der Klasse Vacha von 1659 bis 1815. In: In disciplina Domini. In der Schule des Herrn. Thüringer kirchliche Studien, Bd. 1. Berlin 1963.
- Herrmann, Rudolf: Thüringische Kirchengeschichte. Bd. 1 und 2. Mit einem Geleitwort von Ernst Koch und einem Nachwort über den Autor von Dietmar Wiegand. Waltrop 2000.
- Seidel, Thomas A.: Im Übergang der Diktaturen. Eine Untersuchung zur kirchlichen Neuordnung in Thüringen 1945-1951. (Konfession und Gesellschaft, Bd. 29). Stuttgart 2003.
- Thüringer Gratwanderungen. Beiträge zur fünfundsiebzigjährigen Geschichte der evangelischen Landeskirche Thüringens. Hrsg. von Thomas A. Seidel. (Herbergen der Christenheit, Sonderband 3). Leipzig 1998.
C) Pfr.T.Schüfer -2005 -1-
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Seit dem 1. Juli 2004 bilden die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen die Föderation Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland.















