Gemeindekirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bad Salzungen
Informationen - Meinungen - Aktuelles
Stellungnahme der evangelischen Kirchgemeinde Bad Salzungen zum Tod
der Soldaten in Afghanistan
Der Gemeindekirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Bad Salzungen bekundet
den Eltern und Familien, den Freunden und Kameraden der drei gefallenen Soldaten sein tiefes
Mitgefühl. Als Kirchgemeinde am Bundeswehrstandtort haben wir uns schon im Februar mit der
Frage beschäftigt, wie wir uns verhalten, wenn ein Bad Salzunger Soldat fällt. Wir haben dabei
beschlossen, nach Anfrage des Militärpfarrers, unsere Stadtkirche für eine Trauerfeier zu öffnen.
Damit wollen wir den Angehörigen und Kameraden einen würdigen Raum für ihre Trauer zur
Verfügung stellen und sie in ihrer schweren Stunde nicht alleine lassen. Als Christen vertrauen
wir darauf, daß der irdische Tod nicht das letzte Wort hat, sondern bei Gott alles zur Vollendung
kommt.
Wir haben festgestellt, daß eine breite gesellschaftliche Diskussion über den Afghanistaneinsatz
der Bundeswehr noch aussteht. Diese fordern wir ein. Dabei sind insbesondere folgende Fragen
noch nicht hinreichend geklärt und kommuniziert:
1. Ein friedens- und sicherheitspolitisches Gesamtkonzept, in das sich das deutsche Afghanis-
tanengagement einordnet.
2. Die Anwendung militärischer Gewalt muß ein verhältnismäßiges Mittel sein. Ob dies der Fall
ist, hängt auch davon ab, ob der Einsatz Aussicht auf Erfolg hat.
3. Überprüfung und Kommunikation der Zielsetzung; kritische Analyse der Ergebnisse
nach fast acht Jahren Bundeswehreinsatz; Konzeption für eine geordnete Beendigung
des Einsatzes.
Der Gemeindekirchenrat der Evangelisch- Lutherischen Kirchgemeinde Bad Salzungen
Am 25. Januar 2010 veröffentlichte die Evangelische Kirche Deutschlands EKD ein
Grundsatzpapier zu Afghanistan, das wir hier im vollen Wortlaut wiedergeben.
Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen
Ein evangelisches Wort zu Krieg und Frieden in Afghanistan
In dieser Woche findet die Afghanistankonferenz in London statt. Die Bundeskanzlerin gibt eine
Regierungserklärung ab, der Deutsche Bundestag debattiert über das Thema. Wir nehmen diese
politischen Termine zum Anlass, einige Gesichtspunkte zu unterstreichen, die wir - in unseren
Ämtern als Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), als Friedens-
beauftragter des Rates und als evangelischer Militärbischof in der aktuellen Diskussion
über Krieg und Frieden in Afghanistan geltend gemacht haben. Dabei orientieren wir uns an
der Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahr 2007. Auch angesichts der Lage in
Afghanistan bewähren sich ihre beiden Leitgedanken: Christinnen und Christen leben aus
Gottes Frieden und sollen für gerechten Frieden sorgen.
Die Vereinten Nationen haben mit der vom Sicherheitsrat beschlossenen militärischen
Intervention den Weg für eine bessere Zukunft Afghanistans frei machen wollen. Das Ziel
war und ist die Überwindung des Terrors der Taliban und der Aufbau der Zivilgesellschaft.
Nach mehr als acht Jahren ist es Zeit, Bilanz zu ziehen und wo erforderlich, Kurskorrek-
turen vorzunehmen.
In dieser Situation wenden wir uns an die Mitglieder des Deutschen Bundestages und die
Bundesregierung und bitten sie, sich für Folgendes einzusetzen und dafür auch internatio-
nale Unterstützung zu suchen:
1) Eine umfassende Bestandsaufnahme der Lage in Afghanistan unter Beteiligung der
zivilen Hilfsorganisationen ist dringlich. Dabei muss der Aufbau der Zivilgesellschaft die
erkenntnisleitende Frage sein.
2) Das politische Konzept für Afghanistan hat neben der zivilen auch eine militärische Seite.
Sie ist von vornherein unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, wie der Aufbau der Zivilge-
sellschaft geschützt und gefördert werden kann. Wir werben dafür, dass nicht die militärische
Logik das Denken, Planen und Organisieren für Afghanistan beherrscht, sondern dass den
zivilen Anstrengungen der Vorrang zukommt, der ihnen in friedensethischer Hinsicht gebührt.
3) Im zivilen Aufbau sind erste Erfolge zu verzeichnen. Ohne die ISAF-Schutztruppen wäre
vieles davon nicht möglich gewesen. Andererseits gibt es viele Opfer auf ziviler und
militärischer Seite, und der Wiederaufbau des Landes kommt nur schleppend voran. So
bleibt die Bilanz zwiespältig und ernüchternd.
4) Die Konsequenz kann nur heißen, die Arbeit der zivilen Friedenskräfte der Regierungen
und den Beitrag der der Entwicklung und der humanitären Hilfe dienenden Nichtregierungs-
organisationen quantitativ und qualitativ zu verbessern. Auf die folgenden Faktoren wird be-
sonders zu achten sein: die öffentliche Ordnung, die Sicherheit der Bevölkerung durch
polizeilichen Schutz und ein funktionierendes Rechtssystem, den Aufbau einer Wirtschaft,
die nicht auf Krieg und Rauschgiftproduktion angewiesen ist, die Integration von Bevölkerungs-
gruppen, die von den Taliban abhängig sind, und die Anbahnung von Gesprächen mit den
Taliban selbst, die Gewährleistung der Basisinfrastruktur und die Überwindung des
offensichtlichen Legitimitätsdefizits der afghanischen Regierung.
5) Das zivile und das militärische Handeln müssen aufeinander bezogen und zugleich
deutlich voneinander unterschieden sein. Die afghanische Bevölkerung muss wissen,
ob sie es im konkreten Fall mit militärischen oder mit zivilen Kräften zu tun hat. Dies ist
für den Erfolg des gesamten Einsatzes von grundlegender Bedeutung.
6) Eine Intervention mit militärischen Zwangsmitteln wie in Afghanistan muss von einer
Politik getragen werden, die über klare Strategien und Ziele verfügt, Erfolgsaussichten
nüchtern veranschlagt und von Anfang an bedenkt und darlegt, wie eine solche
Intervention auch wieder beendet werden kann.
7) Bei den in der Friedensdenkschrift der EKD entwickelten Kriterien für den Einsatz
rechtserhaltender Gewalt handelt es sich um Prüfgesichtspunkte, die es erlauben
sollen, die Handlungsoptionen ethisch zu beurteilen. Wir sehen gegenwärtig nicht,
dass der Einsatz anhand der friedensethischen Kriterien eindeutig gebilligt oder
abgelehnt werden könnte. Sicher aber ist: Die Prüfung weist auf deutliche Defizite hin.
Ein bloßes "Weiter so" würde dem militärischen Einsatz in Afghanistan
die friedensethische Legitimation entziehen. Auf nationaler Ebene bitten wir, folgende
Option zu prüfen: Der Deutsche Bundestag sollte im Zusammenhang mit der
Erteilung des Mandats für die Bundeswehr einen Beschluss auch zum Einsatz der
zivilen Kräfte fassen. Mit einer solchen
"Mandatierung" wäre eine deutlichere öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung
der zivilen Anstrengungen verbunden.
Die Aufwendungen für das zivile Engagement sollten erkennbar zu denen des
militärischen Einsatzes in Beziehung gesetzt werden. Darüber hinaus sollte ein
Datum beschlossen werden, an dem der gesamte Einsatz evaluiert wird.
Frieden muss „gestiftet“, also gemacht, werden. Wir bekunden allen, die in
Afghanistan für den Frieden arbeiten - den Mitarbeitenden der zivilen Aufbauhilfe,
dem diplomatischen Dienst, den politischen Repräsentanten der Vereinten Nationen,
den Angehörigen der Bundeswehr und anderer internationaler Streitkräfte -, unseren
Respekt und unsere Dankbarkeit. Wir beten für den Frieden in Afghanistan und das
friedliche Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen in diesem Land.
In unsere Fürbitte beziehen wir die Mitglieder des Deutschen Bundestages und
der Bundesregierung ein. Wir wissen um die Last, die sie zu tragen und die
Verantwortung, welche sie wahrzunehmen haben. Die evangelische Kirche beteiligt
sich mit Hilfsorganisationen am zivilen Aufbau des Landes und begleitet die Soldatinnen
und Soldaten der Bundeswehr durch ihre Militärseelsorge.
Bei all unserem Reden und Tun lassen wir uns vom Friedenzeugnis der Heiligen Schrift
leiten: Frieden ist eine Frucht der Gerechtigkeit, heißt es im Buch des Propheten Jesaja.
Und Jesus nennt in der Bergpredigt die selig, die Frieden stiften. Gottes Frieden
anzusagen und, getragen von dieser Gewissheit, sich für einen gerechten Frieden
auf dieser Erde einzusetzen, ist Aufgabe der Kirche.
Hannover, 25. Januar 2010
Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann,
Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
Präses Nikolaus Schneider,
stellvertretender Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann,
Evangelischer Militärbischof
Schriftführer Renke Brahms,
Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland














